Bericht der Community-Tagung Mai 2026

Die Community-Tagung des Netzwerks Plurale Ökonomik fand vom 07. bis 10. Mai 2026 in Duisburg statt und brachte rund 50 Teilnehmende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammen. Unter dem Titel „Arbeitskampf und Industriepolitik im Kontext sozial-ökologischer Transformation“ widmete sich die Tagung den gegenwärtigen wirtschaftlichen Umbrüchen in Deutschland sowie den politischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen, die mit Strukturwandel und Deindustrialisierung verbunden sind.

Im Zentrum der Tagung stand die Frage, warum die deutsche Wirtschaft seit mehreren Jahren an Dynamik verliert und welche gesellschaftlichen Konsequenzen daraus entstehen. Dabei wurde deutlich, dass wirtschaftliche Transformationen keineswegs neue Phänomene sind, ihre Auswirkungen jedoch stark davon abhängen, wie politisch mit ihnen umgegangen wird. Vor diesem Hintergrund diskutierten die Teilnehmenden, welche Bedingungen eine sozial gerechte Transformation ermöglichen und wann strukturelle Veränderungen ein Ausmaß erreichen, das nicht mehr lediglich als Strukturwandel, sondern als Deindustrialisierung verstanden werden muss.

Ein besonderes Highlight der Tagung war die gemeinsame Besichtigung des Stahlwerks HKM in Duisburg. Die Exkursion ermöglichte den Teilnehmenden einen unmittelbaren Einblick in die industrielle Realität vor Ort und verband die theoretischen Diskussionen der Tagung mit konkreten Erfahrungen aus der Arbeitswelt. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Stellenabbau, globale Konkurrenz und die Zukunft der Stahlindustrie wurde deutlich, welche sozialen und politischen Dimensionen industrielle Produktion bis heute besitzt.

Im Anschluss daran fand eine Podiumsdiskussion mit der Duisburger Bezirksbürgermeisterin Beate Lieske, dem DGB-Sekretär und Autor Peter Schadt sowie der Politikwissenschaftler Karl Müller-Bahlke statt. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft industrieller Arbeit, die Folgen globaler Lieferkettenkrisen sowie die Frage, wie eine sozial gerechte Transformation gelingen kann. Ausgangspunkt war dabei die aktuelle Situation rund um das Duisburger Stahlwerk HKM, bei dem tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Die Diskussion machte deutlich, dass Deindustrialisierung keineswegs ein „natürlicher Prozess“ ist, sondern immer auch Ausdruck politischer Entscheidungen und wirtschaftlicher Machtverhältnisse. Dabei standen Fragen nach politischer Souveränität, Industriepolitik und den sozialen Kosten wirtschaftlicher Umbrüche im Mittelpunkt.

Daran anschließend widmete sich Karl Müller-Bahlke in seinem Vortrag „Stahlproduktion als Frage von Souveränität“ der historischen und geopolitischen Bedeutung von Stahlindustrien. Ausgehend von Beispielen aus Deutschland, Großbritannien und Indien in den 1940er- und 1950er-Jahren diskutierte er die Rolle von Stahlproduktion im Kontext wirtschaftlicher Autonomie und staatlicher Industriepolitik. Besonders im Hinblick auf gegenwärtige globale Krisen, fragile Lieferketten und geopolitische Machtverschiebungen wurde deutlich, weshalb Fragen industrieller Kapazitäten erneut an Bedeutung gewinnen.

Einen weiteren Schwerpunkt setzte der Vortrag von Naima Tiné unter dem Titel „Von Revolution und Reproduktion: Die vergessenen Arbeitskämpfe sächsischer Weberinnen 1903/1923 und was wir aus ihnen lernen können“. Dabei wurden historische Arbeitskämpfe aus einer geschlechterpolitischen Perspektive betrachtet und die Bedeutung reproduktiver Arbeit sowie feministischer Perspektiven auf soziale Kämpfe hervorgehoben. Der Vortrag eröffnete einen wichtigen Blick auf die oft unsichtbar gemachten Dimensionen von Arbeit und gesellschaftlicher Transformation.

Den Abschluss der inhaltlichen Beiträge bildete der Vortrag von Andreas Nölke zum Thema „Das Ende des deutschen Exportmodells?“. Nölke argumentierte, dass die gegenwärtige Krise der deutschen Wirtschaft nicht allein als Frage von mehr oder weniger Industrie verstanden werden könne. Stattdessen plädierte er für eine neue Balance zwischen Exportorientierung und Binnenmarktgestaltung. Der Vortrag verband wirtschaftspolitische Fragen mit grundlegenden Überlegungen zur internationalen politischen Ökonomie und regte intensive Diskussionen über die Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells an.

Neben den inhaltlichen Inputs bot die Tagung zahlreiche interaktive Formate, die Raum für Diskussion, Reflexion und Vernetzung eröffneten. Ein Awareness-Team begleitete die Veranstaltung durchgehend und trug zu einer möglichst diskriminierungssensiblen und unterstützenden Atmosphäre bei. Darüber hinaus fanden ein FLINTA*-Workshop sowie ein Workshop zu kritischer Männlichkeit statt, in denen gesellschaftliche Machtverhältnisse und Fragen von Geschlechtergerechtigkeit gemeinsam reflektiert wurden.

Auch die Community-Arbeit innerhalb des Netzwerks spielte eine zentrale Rolle. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde ein neuer Vorstand gewählt und gemeinsam über die zukünftige Ausrichtung des Netzwerks diskutiert. Neben den offiziellen Programmpunkten blieb viel Raum für informellen Austausch, Vernetzung und gemeinsames Lernen.

Insgesamt machte die Community-Tagung in Duisburg sichtbar, wie eng wirtschaftliche Transformationen mit gesellschaftlichen Machtfragen verbunden sind. Die intensive Auseinandersetzung mit Deindustrialisierung, Industriepolitik und sozialer Absicherung zeigte, dass ökonomische Entwicklungen niemals rein technisch oder alternativlos sind, sondern immer politisch gestaltet werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine zukunftsfähige Ökonomik vielfältige Perspektiven benötigt und sich nicht allein an Marktmechanismen, Wettbewerb und Wachstum orientieren kann. Vielmehr braucht es Ansätze, die demokratische Steuerung, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung stärker in den Mittelpunkt rücken.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Referent:innen, Teilnehmer:innen, Unterstützer:innen und dem gesamten Organisationsteam für die engagierte und gelungene Durchführung der Community-Tagung 2026 in Duisburg.

Im Anschluss an die Community-Tagung ist außerdem das Thesenapier „Deindustrialisierung als politische Gestaltungsaufgabe“ entstanden.

Meme: Ein Mann liegt in einem Krankenhausbett und wird von einer Krankenschwester angesprochen. Text: Nurse: Sir... You've been in a coma Since 2008. Me: Wow, I can't wait to see how much the economics textbooks have changed.

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