Tipps zur Recherche von pluralen Studiengängen und Entscheidungsfindung

Die Wahl eines passenden Studiengangs hat natürlich auch immer Anteile von einem "Schuss ins Blaue". Das Angebot ist vielfältig und unübersichtlich - und würde mensch sich selbst schon auskennen, müsste mensch ja nicht studieren. Aber auch etablierte Rankings von Studiengängen werden für ihre Methodik kritisiert, obwohl diese ja gerade versprechen, harte Kriterien für eine optimale Entscheidung zu liefern. Und die Marketing-Texte der meisten Universitäten suggerieren mehr oder weniger, die jeweilige Universität bzw. der jeweilige Studiengang sei die großartigste Wahl überhaupt.

Auch deshalb entstand im Netzwerk Plurale Ökonomik die Idee, mit der Sammlung von interessanten Studiengängen zu beginnen und so eine Orientierung über das aktuelle Studienangebot mit (umfassender oder tendenziell) plural-ökonomischer Selbstbeschreibung zu erleichtern.

 

Doch welche Strategien gibt es für Euch - Studieninteressierte - mit dieser "Informations-Asymmetrie" umzugehen?

 

Aus unserer Perspektive (und das hat auch immer mit den persönlichen Erfahrungen zu tun) unterscheiden sich die möglichen Strategien ein wenig von Universität zu Universität und je nach Selbstorganisation der Studiengänge, die Ihr recherchiert. Aber um eine "gute" Wahl zwischen verschiedenen für Euch interessanten Optionen zu treffen, empfiehlt es sich, im Vorfeld genauer hinzusehen:

 

Wie viel ökonomische Vielfalt willst Du?

In Bezug auf die Pluralität eines Ökonomie-Studiengangs, sind folgende Aspekte gute Orientierungspunkte zur Eingrenzung von passenden Studiengängen:

 

1. Voll-VWL vs. Teil-VWL? Eine wichtige Entscheidung ist, ob mensch hauptsächlich VWL/Ökonomik studieren möchte, oder ob dieses Fach nur eines neben 1-2 weiteren Fächern sein soll (= interdisziplinäres Studium, früher "Magister"). Wer nur zu einem Teil VWL studiert, hat natürlich den Vorteil, dass er/sie in den anderen Fächern sowieso schon über den Tellerrand schaut. Allerdings werden an vielen Universitäten die verschiedenen Fächer parallel vor sich her studiert, ohne dass eine Brücke geschlagen wird. Zudem ist nicht zu unterschätzen, wie wenig andere Fächer eine einseitige ökonomische Ausbildung im Bezug auf ökonomische Fragestellungen ergänzen können.

 

2. Wie plural und vielfältig? Die zweite wichtige Entscheidung in Bezug auf den VWL-Anteil des Studiums besteht darin, wie umfassend, vielschichtig oder grundlegend die Ausbildung sein soll? Wie viele ökonomische Theorien möchte man kennen lernen? Wie viel methodische Reflexion und Erkenntnistheorie darf es sein? Wie viel Mathe soll drin sein?

Wir wollen Euch natürlich ermutigen, schon in Eurem eigenen Erkenntnisinteresse einen Studiengang mit möglichst pluraler ökonomischer Lehre zu wählen (Vorreiter sind hier z.B. die Cusanus Hochschule und die Universität Siegen). Aber mensch schwimmt damit immer noch "gegen den ökonomischen Strom", was nicht jedermenschs Sache ist.

 

Nicht zuletzt hängt es jedoch von einer Vielfalt Eurer individuellen Fähigkeiten, Interessen und Erwartungen ab, welche Studienangebote gut zu Euch passen könnten. Deshalb lohnt es sich sicherlich, im Vorfeld mit möglichst vielen bereits studienerfahrenen Menschen sowie den universitären Ansprechpartner*innen den Austausch zu suchen und sich probeweise einfach mal in eine entsprechende Vorlesung zu setzen.

 

Willkommen im "Dschungel" der Studienordnungen & Vorlesungsverzeichnisse

Grundsätzlich empfehlen sich folgende Dokumente, die Ihr in der Regel auf den Internetseiten der Studiengänge finden solltet. Diese mögen zwar teilweise etwas dröge oder verwirrend erscheinen, doch hierdurch könnt ihr einen detaillierteren Einblick erhalten, was im oft glänzend verpackten Paket "Studiengang" tatsächlich drin steckt und spätere Enttäuschungen können möglicherweise vermieden werden:

  • Die jeweilige Prüfungsordnung ist das Herzstück eines jeden Studiengangs. Hier ist rechtlich gültig aufgeführt, welche formalen Kriterien für die Zulassung zum Studium, die Art der Leistungen und Prüfungen sowie die Voraussetzungen für den erfolgreichen Abschluss des Studiums gelten.
  • Im Modulhandbuch wird dies weiter präzisiert. In fast jedem Studiengang gibt es Fächer bzw. Module, die Pflicht sind (Pflichtmodule) und welche, bei denen mensch aus einem gewissen Angebot auswählen kann (Wahlpflichtmodule), um die nötigen Voraussetzungen für einen Abschluss zu erfüllen. Manche Universitäten erlauben den Studierenden auch, zu einem gewissen Teil aus dem gesamten Seminarangebot der Universität frei zu wählen (Wahlmodule / freie Module).
  • Da aber auch die Titel der Fächer bzw. Module nicht immer verraten, welche Inhalte tatsächlich gelehrt und geprüft werden, lohnt sich zumeist auch ein Blick in das aktuelle Vorlesungsverzeichnis, wo alle im aktuellen bzw. kommenden Semester angebotenen Veranstaltungen aufgeführt und oftmals auch kurz beschrieben werden (einschließlich der prüfungsrelevanten Literatur).
  • In manchen Studiengängen sind auch Sprachkurse, Auslandaufenthalte oder Praktika Pflicht. Je nach eurem persönlichen Interesse könnt ihr auch diese Faktoren in eure Entscheidung mit einbeziehen. Muss mensch z.B. im Rahmen des Studiengangs ein Pflichtpraktikum absolvieren, hat man hierdurch die Option auf bestimmte Praktika (viele öffentliche Institutionen erlauben ein Praktikum nur im Rahmen eines solchen Pflichtpraktikums). Andererseits muss man dieses Praktikum organisieren und absolvieren; viele sind schlecht- oder sogar unbezahlt.


Ansprechpartner*innen vor Ort können Orientierung geben

All diese Formalien sind kompliziertes Neuland. Aber das geht allen so, und Ihr werdet damit nicht alleine gelassen. Denn zudem gibt es stets Asnprechpartner*innen, die Ihr im Vorfeld mit euren Fragen kontaktieren könnt:

  • Fast immer gibt es aktive Fachschaften / Fachschaftsräte, also demokratisch gewählte studentischen Vertreter*innen der Studierenden eines Fachbereichs, mit denen ihr Kontakt aufzunehmen könnt. Diese kennen sich erfahrungsgemäß am Besten mit der konkreten Studienorganisation und Prüfungsordnungen aus, und bieten oft eigene Beratungen "von Studi zu Studi" an, in der man seine Fragen loswerden kann.
  • Manche Universitäten bieten auch Infotage zum Studium an, an denen mensch sich die Örtlichkeiten ansehen und Beispielvorträgen beiwohnen kann.
  • Zudem kann mensch sich auch mitten im Jahr einfach mal in interessant klingende Vorlesungen oder Seminare setzen, um einen Eindruck von gelehrten Inhalten und der Atmosphäre zu bekommen. Auch wenn viele sich das nicht trauen, nur keine Angst: Universitäten sind öffentliche Orte und die Dozenten haben meist eine große Sympatie für wissbegierigen Nachwuchs. In großen Vorlesungen fällt eine Person mehr oder weniger nicht auf und selbst in kleinen Seminaren könnte mensch im schlimmsten Falle lediglich gebeten werden, zu gehen (uns ist jedoch kaum ein Fall bekannt).
  • Weitere Faktoren für eure Entscheidungen können auch die ortsansässigen Hochschulgruppen sein, in denen sich engagierten Studierenden organisieren. Mensch kann diese auch vorab über soziale Medien oder E-Mail kontaktieren und ausfragen. Auch das kann Hinweise darauf geben, für welche Themen sich die Studierenden an dieser Hochschulen bzw. in diesem Studiengang interessieren und ob das zu euch passt. Vor Ort gibt es dann natürlich auch immer die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und einen neue Hochschulgruppe zu gründen ;)

 

Auswahlverfahren teils aufwändig

Ein weiteres Merkmal der Studiengänge sind die jeweiligen Auswahlverfahren.

  • Es gibt Studiengänge, die keinen Numerus Clausus (=Mindestnote) erfordern, mit der allgemeinen Hochschulreife könnt ihr euch "einfach" immatrikulieren (zum Studium einschreiben, ohne dass die Universität euch ablehnen kann).
  • Andere fordern einen bestimmten Notendurchschnitt oder setzen ein bestimmtes Auswahlverfahren fest. In dessen Verlauf können Sprachkenntnisse, Auslands- oder Arbeitserfahrungen oder ehrenmatliches Engagement angerechnet werden, oder sogar auf persönliche Interviews und Auswahltests vor Ort bestanden werden.

Je höher die Hürden sind, desto größer der Aufwand für Euch. Deshalb solltet Ihr euch gut informieren und überlegen, bei wie vielen und genau welchen Studiengängen eine Bewerbung für Euch überhaupt aussichtsreich und den Aufwand wert scheint.

 

Es gibt keine Garantie, aber viele "richtige" Entscheidungen

Unterm Strich ist ein Studium immer eine individuelle Erfahrung. Auch eine gute Recherche vor Beginn ist nie eine Garantie für einen problemlosen, interessanten und 100% zu euch passenden Studienverlauf. Auch Faktoren wie Lebensqualität am Ort des Studiums und soziales Umfeld spielen eine wichtige Rolle.

Dennoch hoffen wir, dass wir Euch mit unseren gesammelten Erfahrungen und den hier vorgestellten Studiengängen bestenfalls einige wertvolle Tipps auf Eure Suche mitgeben können :)