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Verrückte Gedanken

Als Reaktion auf ein Interview im Brandeins von Rüdiger Bachmann haben einige Netzwerkmitglieder einen Brief an einen unserer schärfsten Kritiker verfasst.

 

Lieber Herr Bachmann,
 
inzwischen haben wir ja eine richtig nette Privatfehde. Sie schreiben, wir antworten. Sie gehen zum nächsten Medium, wir rennen hinterher. So richtig zueinander gekommen sind wir noch nicht.

 

Doch in Ihrem Interview in der Novemberausgabe von brand eins haben wir endlich eine Stelle gefunden, die uns sogar glatt sympathisch war: “Es muss möglich sein, dass ein Forscher auch mal verrückte Gedanken haben darf.”

 

Wir hätten da ein paar Vorschläge: Man könnte auf den verrückten Gedanken kommen, dass Menschen immer rational handeln. Dass sie wie ein Rechenroboter durch die Welt laufen, ihren Nutzen betrachten, alle Möglichkeiten bedenken und nur das tun, was für sie am besten ist. Und wenn die Menschen das mal nicht tun, dann haben sie sich verrechnet oder sind durch völlig abwegige Emotionen wie Angst, Ärger oder Freundschaft motiviert.


Man könnte zum Beispiel auch ein Modell entwerfen, in dem Unternehmen keine Gewinne machen können. Unrealistisch oder nicht, man könnte ja trotzdem hingehen und alle Märkte mit diesem Modell vergleichen. Und immer wenn man in der Realität etwas anderes beobachtet, nennt man das Versagen. Dann hat der Staat versagt oder der Markt. Hauptsache jemand versagt. Nur das Modell natürlich nicht.

 

Man könnte auch nach einem Wochenende im buddhistischen Kloster auf die Idee kommen, dass nicht nur Menschen, sondern auch Märkte ihr Gleichgewicht finden müssen. Yin und Yang. Angebot und Nachfrage. Der Markt meditiert gewissermaßen. Oooohm.


Wenn man dann erstmal die Mitte gefunden hat, dann sind auch alle Konflikte weg. Gewerkschaftsinstitute und Arbeitgeberstiftungen kommen ja auch einfach immer auf die gleichen Ergebnisse. Deshalb lässt man das ganze Reflektieren und verliert nicht so viel Zeit beim Nachdenken. Ist ja eigentlich auch fast egal, ob Wissenschaft jetzt tatsächlich wertfrei und objektiv sein kann oder nicht.


Und wenn man dann einmal richtig am Rumspinnen ist, dann geht man noch einen Schritt weiter, denn Verrücktheit ohne Verwirklichung ist ja eigentlich öde: Dann nennt man das alles einfach den “ökonomischen Ansatz”, nimmt sich einige Jahrzehnte Zeit, um das mal, wie sie sagen, so richtig auszuforschen. Alles andere darf dann einfach nicht Wirtschaftswissenschaft heißen und hat im Lehrplan nichts zu suchen. 

 

Inzwischen wissen Sie wohl, dass wir das anders sehen. Wir hätten jetzt zum x­ten Mal argumentieren können, warum die Wirtschaftswissenschaft am Gegenstand definiert werden sollte und das Nutzenkonzept tautologisch ist. Dann könnten wir wieder ein flammendes Plädoyer für theoretischen und methodischen Pluralismus halten und damit schließen, dass es dann der ganzen Welt besser gehen würde. Aber auch das wird irgendwann langweilig.  Stattdessen haben wir lieber mal an konkreten Veränderungen gearbeitet und Ende November mit einigen anderen Organisationen eine Konferenz in Berlin veranstaltet. Da kamen dann ganz viele Verrückte zusammen und haben miteinander gestritten, wie man Wirtschaft noch erforschen und lehren könnte. Sie hätten da auch sehr gut reingepasst.

 

Lisa Großmann, Frederick Heussner, Gustav Theile