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Mit Wachstum und Umwelt wird der Wirtschaftsnobelpreis aktuellen Themen gewidmet. Reicht das? – Ein kritischer Blick aus pluraler Perspektive

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften 2018

 

Gastbeitrag von Hannes Vetter

 

Die US-Ökonomen Paul Romer und William D. Nordhaus werden ausgezeichnet und damit Arbeiten gewürdigt, die „den Umfang der ökonomischen Analyse erheblich erweitert (haben), indem sie Modelle entwickelt haben, die das Zusammenspiel zwischen Marktwirtschaft und Natur und Wissen erklären“, so erklärt Göran Hansson, der Generalsekretär der Akademie, die Wahl. Beide haben geholfen, langfristige Phänomene besser zu verstehen, sind ansonsten aber auch sehr unterschiedlich.

 

Der 1941 geborene Nordhaus ist Professor an der Yale University. Er integrierte insbesondere Klimaaspekte in makroökonomische Modelle, um Einsichten in einen blinden Fleck der Ökonomik zu ermöglichen. Es ist beeindruckend, wie früh und dann unnachgiebig sich der Ökonom mit der Integration des Klimawandels in die Modellierung befasst hat. Nicht zu Unrecht bezeichnet ihn beispielsweise das Handelsblatt als „Pionier des Zwei-Grad-Klimaziels“. Sein frühzeitiges Plädoyer für CO2-Steuern ist folgerichtig und heute aktueller denn je. Leider ist der Einbezug von Klima- und Umwelt-Faktoren bzw. -Indikatoren längst nicht die Regel, sondern sogar die Ausnahme, bis heute. Gerade aus pluraler Perspektive ist es sehr erstrebenswert, aus unterschiedlichen Richtungen auf die Wirtschaft zu blicken, wodurch jeweils unterschiedliche Größen und Variablen relevant werden. Weil Wirtschaft jedoch sehr viel mit Umwelt zu tun hat, verdient dieses Querschnittsthema mehr Berücksichtigung. Deshalb setzt das Komitee der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften mit der Auszeichnung von Nordhaus einen Akzent an der richtigen Stelle.

Der ungewöhnlich heiße und dürre Sommer in Schweden könnte dabei sein Übriges getan haben, dass Klimawandel derart vom Komitee berücksichtigt wird.

 

Der 62-jährige Paul Romer arbeitet an der Stern School of Business der New York University. Mit seiner Auszeichnung werden insbesondere entscheidende Beiträge in der endogenen Wachstumstheorie gewürdigt. Seine Modelle brachten Erkenntnisse darüber, welche Zusammenhänge zwischen Investitionen in technologische Innovationen und Wachstum bestehen.

In der vor Romer vorherrschenden exogenen Wachstumstheorie wurde die Entstehung von technologischem Fortschritt nicht erklärt, sondern von vornherein angenommen bzw. als Restgröße für alles Unerklärte genutzt. Romers Modelle verdeutlichten die Zusammenhänge zwischen Wachstum und Investitionen in technologische Innovationen. Kurz gesagt: Investitionen in technologischen Fortschritt begünstigen Wachstum. Durch diesen Erkenntnisfortschritt ist die Auszeichnung Romers gut begründet.

Sein Engagement für einen reflektierteren Umgang mit Mathematik in der VWL, zeichnet den Wirtschaftswissenschaftler aus. Er prägte den Begriff ‚Mathiness‘, mit dem er die missbräuchliche Verwendung von Mathematik meint. Damit wendet er sich keineswegs gegen den Gebrauch von Mathematik per se. Problematisch sei jedoch, wenn Mathematik unhinterfragt verwendet wird, um eine Ideologie zu verfestigen. Demnach schade ein schlechter Einsatz von Mathematik der VWL mehr, als er nutze. Dieser differenzierte Umgang ist aus pluraler Perspektive zu begrüßen. Gleichzeitig ist Romers Blick auf die VWL, dass Konsens darüber gesucht werden sollte ‘which model is right’, um dann zu weiteren Fragen übergehen zu können, kritisch zu sehen. Genau einen solchen Konsens kann es final niemals geben, weil die VWL keine Naturwissenschaft, sondern eine Sozialwissenschaft ist, in der es stets mehrere Betrachtungsweisen gibt.

 

Wachstum und Klimawandel aus der ökonomischen Brille besser verstehen zu wollen, ist kein Fehler. Doch es ist fraglich, ob die Verhinderung des Klimawandels mit anhaltendem Wirtschaftswachstum möglich ist. Fraglich ist selbst, ob weiteres Wachstum des BIP von Hochlohn-Ländern bei all seinen Kosten überhaupt wünschenswert ist und für die ökonomische Theorie derart bedeutend sein sollte, wie es heute ist. Aus einer Postwachstums-Perspektive wäre es deshalb wesentlich sinnvoller neben das BIP – und auch neben den Kosten von CO2 bzw. Klimawandel – verschiedene ökologische und soziale Indikatoren zu stellen, die ein nachhaltiges und gutes Leben auf der Erde abbilden.

In diesem Sinne kann der Fokus auf technologischen Fortschritt und Wachstum bei Romers Forschung kritisch gesehen werden, weil er nahelegt, dass die heutigen Probleme im Wesentlichen durch technologische Innovationen zu lösen seien. Selbst Nordhaus ist in einigen methodischen Aspekten nahe am Mainstream und soll sich immer wieder für Wirtschaftswachstum ausgesprochen haben.

 

In ganz offensichtlichen Kategorien von pluralen Prinzipien fällt der Preis dieses Jahr in ein bekanntes Muster: Es werden zwei weiße Männer aus den USA geehrt. Auch wenn Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht nichts über die Qualität der Arbeiten von Romer und Nordhaus aussagen, muss man sich dennoch fragen, ob andere Kulturräume mit anderen Perspektiven auf „Wirtschaft“ nicht auch andere Fragen stellen, andere Herangehensweisen haben und damit andere ökonomische Forschung hervorbringen. Fakt ist, dass die Liste der Nobelpreisträger aus den USA länger wird, während andere Menschen von anderen Kontinenten auf diese Weise kaum Gehör finden.

 

Schließlich kann man sich an den zwei Persönlichkeiten ein Beispiel nehmen, da sie frühzeitig und ohne Konfliktscheue Dinge anders gemacht haben. Stellt man sich gegen eine gegebene Theoriewelt, wie sich beispielsweise Romer gegen die exogene Wachstumstheorie positionierte oder Nordhaus gegen die fehlende Berücksichtigung des Klimawandels in der ökonomischen Betrachtung, kann man sich leicht unbeliebt machen. Mut Neues zu wagen und Andersartiges zu sagen, ist deshalb so wichtig, weil es gewohnte Paradigmen und unreflektierte Annahmen hinterfragen kann und damit einen Anstoß für grundlegend Neues geben kann, wie man bei Romer und Nordhaus sieht. Um etwas wesentlich Anderes geht es der Pluralen Ökonomik auch nicht.