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Die Stunde der Pluralen Ökonomie

Der Aufstieg rechter Kräfte erfordert von der VWL-kritischen Bewegung eine neue Rolle. ‚Ökonomischer Pluralismus‘ könnte Vielfalt in der Bildung und ein progressives gesellschaftliches Projekt miteinander verknüpfen.

Ein Gastbeitrag von Samuel Decker

 

Das Netzwerk Plurale Ökonomik feiert Jubiläum. Vor fünf Jahren ging es aus dem Arbeitskreis Real World Economics hervor, der wiederum den Arbeitskreis Post-autistische Ökonomie beerbte. Die post-autistische Bewegung lässt sich auf das Jahr 2000 zurückdatieren, als französische Studierende sich mit einer Petition an die Öffentlichkeit wandten und mehr Realitätsnähe und Pluralismus in der Ökonomie einforderten. Doch bereits acht Jahre früher forderten 44 einflussreiche Ökonom*innen in einem offenen Brief einen „neuen pluralistischen Geist in der Wirtschaftswissenschaft“ und „toleranten Austausch zwischen unterschiedlichen Ansätzen“ [1]. Sie bezogen sich dabei auf heterodoxe Theorien, die seit den 1960er Jahren angefangen hatten eigene Schulen zu etablieren.


Plurale Ökonomik wird 50

To make a long story short: Die Bewegung für Pluralismus in der Wirtschaftswissenschaft feiert nicht ihren fünften, sondern eher ihren 50. Geburtstag. Bei den Auseinandersetzungen und Organisierungsprozessen für Pluralismus in der Wirtschaftswissenschaft handelt es sich um ein langfristiges, gesellschaftlich eingebettetes Transformationsprojekt, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Anfang nahm und sich in die erste Hälfte des 21. Jahrhundert erstreckt. 

In einer ersten Welle der Pluralismus-Bewegung behaupteten sich heterodoxe (etwa marx’sche, sraffianische oder post-keynesianische) Ansätze gegen den Monismus der neuklassischen Synthese [2]. Sie schufen damit die Voraussetzungen für Pluralismus, argumentierten jedoch ihrerseits nicht selten monistisch. In den 1980er und 90er Jahren begannen sich heterodoxe Ansätze in einer zweiten Welle des Pluralismus stärker miteinander zu vernetzen. Anstatt nur für die eigene Schule, kämpften sie für mehr Vielfalt und eine tolerantere Diskussionskultur in der Disziplin. Sie gründeten Vereinigungen, um sich besser zu organisieren (etwa EAPE (1988) oder ICAPE (1993)) [3]. In einer dritten Welle des Pluralismus ab der Jahrtausendwende begannen Studierende eine zentralere Rolle einzunehmen.


Ökonomik als politische Arena

Doch eine Rekonstruktion der ‚Wellen‘ des Pluralismus wären unvollständig ohne die politischen Konstellationen und ökonomischen Entwicklungen, welche die wissenschaftlichen Debatten angestoßen und vorangetrieben haben. So wäre die Rückkehr der (nie wirklich verschwundenen) Neoklassik in den 1970er Jahren ohne die Stagflationskrise und den Niedergang des politischen Keynesianismus undenkbar gewesen. Und auch wenn die heute gebräuchlichen Konzepte von heterodoxer und pluraler Ökonomik damals nicht entwickelt waren, lässt sich das Ineinandergreifen politischer und wissenschaftlicher Dynamiken auch für frühere Zeiten nachzeichnen. So sind die Durchsetzung des Keynesianismus und die Etablierung der Makroökonomie eng verknüpft mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der auf sie folgenden Großen Depression. Ebenso besteht eine Verbindung zwischen der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und der Ausbreitung der kritischen politischen Ökonomie, oder zwischen der Durchsetzung der klassischen politischen Ökonomie gegenüber dem Merkantilismus im 18. Jahrhundert und dem Aufstieg des Bürgertums und seinem Interesse an freien Märkten [4].

Die Wirtschaftswissenschaften waren also, bereits bevor es die „Ökonomik“ bzw „economics“ als Disziplin überhaupt gab, ein Kristallisationspunkt für die wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Zeit. Und das sind sie bis heute. Auch die oben angesprochene ‚dritte Welle‘ des Pluralismus lässt sich nur in ihrem politischen Kontext verstehen. Der Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008, der Eurokrise im Jahr 2010 und die Folgen der Austeritätspolitik bildeten ein politisches Fenster, in dem die wissenschaftsinterne Auseinandersetzung um Pluralismus eine neue gesellschaftliche Bedeutung erhielt. Die Studierendeninitiativen in der VWL, Think Tanks wie das Institute for New Economic Thinking (INET) sowie ‚public economists‘ wie Joseph Stieglitz, Paul Krugman, Thomas Picketty oder Yanis Varoufakis fungierten als Symbol für die intellektuelle Krise des Neoliberalismus. Eben weil sie nicht ‚typisch links‘ auftraten, eigneten Sie sich als Resonanzkörper für eine breitere gesellschaftliche Suchbewegung nach Alternativen zum Neoliberalismus.


Ende oder…

Vieles spricht dafür, dass die dritte Welle der Pluralismus-Bewegung an Dynamik verloren hat und die Auseinandersetzung um kritische und plurale Wirtschaftswissenschaft in eine neue Phase eingetreten ist. Tatsächlich sind die Zeiten der Alternativlosigkeit und der unangefochtenen Mainstream-Wahrheiten vorbei. Eine nationalistischen Internationale in Form von völkischen und rechts-autoritären Führungsfiguren, Parteien, Bewegungen, NGOs und Medien beginnt sich zu institutionalisieren und weltweit zu vernetzen. Sie bringen zustande, was linke Massenbewegungen und Parteiprojekte in den zehn Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise nicht konnten oder nicht wollten: Sie formulieren eine Alternative zur in Misskredit geratenen Ideologie des Neoliberalismus. Das TINA-Prinzip („There Is No Alternative“) bekommt Konkurrenz durch eine starke Erzählung nationaler Ermächtigung, gepaart mit religiösen, rassistischen, anti-feministischen und anti-ökologischen Ressentiments. Plurale Wirtschaftspolitik kommt – aber in Form von nationalistisch motiviertem Protektionismus und autoritären, staatskapitalistischen Wachstumsstrategien.

Der Mangel an (ideologischem) Pluralismus ist damit nicht mehr der zentrale Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Die dominante Konfliktlinie verläuft zwischen denjenigen politischen Kräften, die die neoliberale Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte (das „TINA-Prinzip“) aufrechterhalten und vertiefen wollen und denen, die sie kritisieren und neue Formen internationaler (wirtschaftspolitischer) Koordination entwickeln. Die Frage ist nicht, ob, sondern welche Alternativen sich durchsetzen.


…Neuanfang einer Bewegung?

Damit verliert die Pluralismusforderung zunehmend ihre Stellvertreterfunktion für ein progressives gesellschaftliches Projekt. Denn welchen Pluralismus meinen wir? Alternative Ökonomik wird auch von rechten und reaktionären Kräften beansprucht. Nicht nur die AfD in Deutschland wurde auf ökonomischen Ansätzen abseits des Mainstreams errichtet, wie Joachim Becker und Rudy Weissenbacher in ihrer besorgniserregenden Studie „Heterodoxy from the Right“ aufzeigen [5]. Darin wird deutlich, dass eine reiche Tradition reaktionärer, sozial-chauvinistischer und verkürzter ökonomischer Erklärungsmuster und Denkschulen existiert.

Solange es nicht um spezifische (linke oder rechte) Alternativen zum Mainstream ging, sondern um das Einfordern von Alternativen an sich, konnten progressive gesellschaftliche Ziele und Plurale Ökonomik Hand in Hand gehen. Dem Pluralismusbegriff gelang es in dieser Zeit, den unfruchtbaren Antagonismus zwischen Heterodoxie und Orthodoxie zu überwinden und eine neue Dynamik zu erzeugen. Mit der Veränderung des politischen Terrains ist Plurale Ökonomik, zu Neutralität verpflichtet, jedoch in ein lock in geraten und wird zunehmend von dem wirtschaftspolitischen Kontext, von dem die dritte Welle des Pluralismus ihre Dynamik bezogen hat, abgeschnitten. Während ein neuer (wirtschaftspolitischer) Antagonismus zwischen dem kosmopolitischen Neoliberalismus und der neu-rechten Globalisierungskritik entsteht, verschwimmt der Standpunkt der kritischen Wirtschaftswissenschaft in pluraler Beliebigkeit.

Damit büßt die Bewegung für kritische Wirtschaftswissenschaft ihr transformatives Potential zunehmend ein. Denn einer NGO-Logik, nach der Nischenforderungen durch Lobbying und institutionelle Strategien durchgesetzt werden sollen, fehlt die politische Kraft, um eine echte Transformation der Mainstream-VWL und ihrer politisch-hegemonialen Verankerung tatsächlich durchzusetzen – anstatt nur neue Nischen zu produzieren. Es braucht eine transnationale Organisierung, die lokale Transformationen, weit sichtbare Kampagnen und kritische ökonomische Expertise miteinander vernetzt und dabei Teil grundlegender politischer Dynamiken ist.


Ökonomischer Pluralismus

Was lässt sich aus der bisherigen Argumentation ableiten? Wie können Pluralismus in der universitären Bildung und ein progressives gesellschaftspolitisches Projekt unter den neuen politischen Rahmenbedingungen glaubhaft und stimmig miteinander verknüpft werden?

Diese Frage anderen Akteuren zu überlassen oder alles auf den Begriff der „transformativen Wissenschaft“ zu setzen, wäre voreilig. Es muss eben einen Pluralismus (oder besser: ein Mosaik) an Alternativkonzepten geben. Löst sich alles im omnipräsenten Transformationsdiskurs auf, geht der Blick auf die notwendigen Unterschiede und Dissense verloren.

Die Forderung nach ökonomischem Pluralismus könnte ein zentrales Vehikel sein, mithilfe dessen sich das Netzwerk Plurale Ökonomik an wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen orientieren und eine progressive Rolle einnehmen könnte, ohne mit der Forderung nach Pluralismus in der Bildung in Konflikt zu geraten.

Das Konzept des ökonomischen Pluralismus ist nicht neu. Im Buch „Economic pluralism“ aus dem Jahr 2009 werden Ansätze einer ‚Pluralen Ökonomie‘ und einer ‚Pluralen Ökonomik‘ gemeinsam präsentiert und Verbindungen aufgezeigt [6]. ‚Economic pluralism‘ wird hierbei insbesondere mit dem ‚diverse economies‘ Ansatz von Gibson-Graham [7] assoziiert. Dieser besagt knapp ausgedrückt: Der Kapitalismus dominiert zwar das ökonomische Geschehen, es gibt jedoch eine Vielzahl nicht-kapitalistischer Praktiken und ‚Räume‘, die ausgeweitet und vernetzt werden können. Die Forderung nach ökonomischen Pluralismus ließe sich jedoch breiter formulieren. Es würde allgemein darum gehen, die Einseitigkeit und Dominanz einer bestimmten ökonomischen Systemlogik zu hinterfragen und die Handlungslogiken und Strukturprinzipien ökonomischer Reproduktion zu pluralisieren. Diese allgemeine Forderung ließe sich anhand verschiedener gesellschaftlicher Auseinandersetzungen konkretisieren, etwa

 

  • Freihandel: Multi- und Bilaterale Freihandelsabkommen setzen einseitig auf Investorenrechte und den Abbau von Handelshemmnissen. Rechte verschiedener gesellschaftlicher Gruppen sowie der Umwelt müssen ausgewogener Berücksichtigung finden. Kleinere Unternehmen und nicht-profitorientierte Produktionsformen dürfen keinen Nachteil erleiden bzw. müssen gefördert werden.

  • Protektionismus: Die Globalisierungskritik von rechts argumentiert ebenfalls einseitig. Anstatt dem Gegensatz zwischen ökonomischer Globalisierung und dem Wirtschaftsnationalismus ala Trump braucht es eine dritte Option: eine international Koordinierte ökonomische De-Globalisierung, welche die Vielfalt ökonomischer Praktiken und Regulierungsformen begünstigt.

  • Wachstum: Die Festlegung auf das Wirtschaftswachstum als wichtigster ökonomischer Zielgröße ist einseitig. Vielfältige Wohlstandsindikatoren und Postwachstumspolitiken müssen gestärkt werden.

  • Eigentum: Eine einzige Form des Eigentums dominiert das Wirtschaftsgeschehen. Andere Formen des Eigentums und des gemeinsamen Wirtschaftens müssen gestärkt werden (z.B. Commons, Share Economy).

  • Steuerpolitik: Die Besteuerung von Arbeitseinkommen und die Vernachlässigung von Kapitaleinkommen und Erbschaften ist einseitig. Ein pluraler Steuermix würde eine Gleichbesteuerung der Einkommensarten anstreben.

  • Europäische Integration: Ein alleiniger Fokus auf ökonomische Integration durch den Abbau von Regulierungen ist einseitig. Die wirtschaftspolitische Isolation nationaler Räume ebenso. Stattdessen sollte es vielfältige Möglichkeiten von selektiver Desintegration in bestimmten Bereichen und verstärkter Integration in anderen Bereichen geben.

  • Lebensweisen: Die bestehende Lebensweise wird einseitig durch das Loharbeitsverhältnis geprägt. Plurale Lebensweisen, wie etwa die Vier-in-Einem-Perspektive sie vorschlägt, sollten gefördert werden. Durch soziale Innovationen, wie etwa Arbeitszeitverkürzung oder das Bedingungslose Grundeinkommen, aber auch durch andere Produktions- und Konsumstrukturen, sollten Ermöglichungsbedingungen einer vielfältigeren Lebensweise geschaffen werden.


Einen dritten Pol sichtbar machen

Dies sind nur einige wenige Beispiele, wie die Forderung nach einer Pluralen Ökonomie an aktuellen wirtschaftspolitischen Kontroversen anknüpfen könnte. Sie hat Schnittmengen mit den Forderungen der Postwachstumsökonomik, des Commons-Diskurses, des Post-Keynesianismus oder der kritischen Entwicklungsökonomik. Andererseits legt sie sich nicht auf eine bestimmte Alternative fest. Die Alternative ist vielmehr die ökonomische Vielfalt als solche. Die ‚Plurale Ökonomie‘ könnte einen Gegenpol sowohl zum ‚TINA-Prinzip‘ bzw. dem kosmopolitischen Neoliberalismus als auch zur Globalisierungskritik von Rechts bzw. dem neuen Wirtschaftsnationalismus bilden [8]. Damit würde sich die Bewegung für plurale und kritische Wirtschaftswissenschaft wieder eine Stellvertreterfunktion im Kontext aktueller gesellschaftlicher Auseinandersetzung erarbeiten. Denn ein solcher ‚dritter Pol‘ [9] neben dem Neoliberalismus der Mitte und den falschen Alternativen von rechts ist die große Leerstelle, die andere Akteure derzeit nicht zu Füllen in der Lage sind.


[1] Abramovitz, M. et al. (1992): Plea for a Pluralist and Rigorous Economics, American Economic Review 82(2), XXXV, eigene Übersetzung

[2] Die Differenzierung einer ersten und zweiten Welle des Pluralismus ist entnommen aus Garnett Jr, R.F., Olsen, E.K., Starr, M. (2013): Economic Pluralism fort he 21st Century, in: ibid. (eds.): Economic pluralism. New York, Abingdon: Routledge.

[3] European Association for Evolutionary Political Economy (EAEPE), International Confederation of Associations for Pluralism in Economics (ICAPE)

[4] Jäger, J.; Springler, E. (2015): Ökonomie der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre. 3. Auflage. Wien: Mandelbaum Verlag, S. 15 ff.

[5] Becker, J./Weissenbacher, R. (2016). Heterodoxy from the Right: Economic Policy Concepts of the Nationalist Right in Europe. Vienna University of Economics and Business (August 2016). URL: www2.euromemorandum.eu/uploads/becker_heterodoxy_from_the_right.pdf (accessed at 01.02.2017).

[6] Garnett Jr, R. F., Olsen, E. K., Starr, M. (2013):: Economic pluralism. New York, Abingdon: Routledge.

[7] Gibson-Graham JK (2008a) Diverse economies: Performative practices for ‘other worlds’. Progress in Human Geography  32(5): 613–632

[8] Die wirtschaftspolitischen Alternativen von rechts stellen zumeist nur eine Projektionsfläche für die Unzufriedenheit mit dem einseitigen, neoliberalen Wachstumsmodell dar und keine Alternative in dem Sinne, dass Märkte und soziale Verhältnisse grundlegend politisiert werden, s. www.postwachstum.de/vom-postwachstum-zur-de-globalisierung-20171108. Die Neue Rechte repräsentiert damit eher eine politische Wende (nach dem ideologischen Wendepunkt von 2008), während eine „ökonomische Wende“ noch aussteht.