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Der Dogmatismus der Volkswirtschaftslehre

Seit Ausbruch der großen Krise wird die Debatte um den Zustand der Volkswirtschaftslehre in der Öffentlichkeit wieder intensiver geführt. Zuletzt lieferte sich beispielsweise Hans Werner Sinn in der SZ einen Schlagabtausch mit Mitgliedern des Netzwerk Plurale Ökonomie über die normativen Fundamente der Standard-VWL. Unfreiwillig bestätigen dort die Mitglieder der Initiative die Position von Sinn. Ein Gastbeitrag von Michael Gaul.

 

Seit Ausbruch der großen Krise wird die Debatte um den Zustand der Volkswirtschaftslehre in der Öffentlichkeit wieder intensiver geführt, auch befeuert von der Anfang letzten Jahres gegründeten “International Student Initiative for Pluralist Economics”. Zuletzt lieferte sich beispielsweise Hans Werner Sinn in der SZ einen Schlagabtausch mit Mitgliedern des Netzwerk Plurale Ökonomie über die normativen Fundamente der Standard-VWL. Unfreiwillig bestätigen dort die Mitglieder der Initiative die Position von Sinn : Jene, die Ökonomen kritisieren, haben sie in Wahrheit nicht verstanden.

 

So werfen die Kritiker etwa der neoklassischen “Mainstream-Ökonomik” vor, sie stelle Effizienz über Gerechtigkeit. Das ist – streng genommen – nicht korrekt : Besagt das fundamentale zweite Wohlfahrtstheorem, auf welches Sinn anspielt, doch gerade, dass zu jeder pareto-optimalen Verteilung, also auch zu einer etwaigen “gerechten” Verteilung, ein Preisvektor und eine Verteilung der Eigentumsrechte existiert, derart, dass durch eine Umverteilung der Eigentumsrechte eben diese gewünschte Verteilung als Konkurrenzgleichgewicht (d.h. durch den Markt) erreicht werden kann. Ebenso ist es nicht korrekt, wenn die Mitglieder der Initiative für Plurale Ökonomik behaupten, die “Mainstream-Ökonomik” lege ihre “normativen Bestandteile nicht offen”. Das fundamentale Pareto-Kriterium wird im Studium selbstverständlich als das normative Kriterium, das es ist, eingeführt.


Wieso sich um die “falschen Ideen toter Männer” kümmern ?

Was als ein Triumph für Prof. Sinn erscheint, verleiht in Wahrheit aber – ironischerweise – nur dem Anliegen der Mitglieder der Initiative für Plurale Ökonomik Nachdruck : Das Niveau der Debatte selbst ist ein Ausdruck des traurigen Zustandes, in dem sich die Volkswirtschaftslehre befindet. Folgende Anekdote ist charakteristisch für diesen Zustand : Prof. Carstensen von der LMU München leitete seine Vorlesung über Makroökonomie für Fortgeschrittene mit dem stolzen Hinweis ein, er selbst habe nie in seinem Leben Keynes gelesen – also den Ökonomen, der mit der General Theory von 1936 seine eigene Disziplin, die Makroökonomie, begründet hat; und in Bezug auf dessen Theorie der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit ohne Übertreibung gesagt werden kann, dass die Entwicklung der Makroökonomie bis hin zu Lucas' “Disziplin des Gleichgewichts” (und darüber hinaus) ohne sie kaum zu verstehen ist. Diesen selbstgefälligen und abschätzigen Gestus gegenüber der Geschichte der eigenen Disziplin, der symptomatisch ist für die VWL, hatte der Ökonom Pigou einmal so auf den Punkt gebracht : Wieso sich um die “falschen Ideen toter Männer” kümmern ?

 

Hinter diesem Gestus steht nichts als ein Glaube : der Glaube daran, dass die VWL eine “harte” Wissenschaft ist, deren Geschichte wie die der Naturwissenschaften nichts als die eines reinen Fortschritts ist. Glaubt man diesen Glauben vom kumulativen Charakter der Geschichte der VWL, dann ist es im besten Falle von rein historisch-antiquarischem, bildungsbürgerlichem Interesse, andere ökonomische Theorien zu studieren als die heute exklusiv vorherrschende, neoklassische Theorie – oder aber pure Zeitverschwendung. Auf der Basis dieses Glaubens hat man das systematische Studium der Theoriegeschichte in den VWL-Fakultäten längst abgeschafft. Im Ergebnis besteht das VWL-Studium in nichts anderem als dem Erlernen der bloß technischen Beherrschung ausschließlich einer einzigen Theorie. Das VWL-Studium ist ein Handwerk geworden.


Die Geschichte ökonomischer Theorie als kritische Instanz

Besagter Glaube an den kumulativen Charakter der Geschichte der VWL und an die Ausschließlichkeit der neoklassischen Theorie, der die VWL charakterisiert, ist Dogmatismus im präzisen Sinne Immanuel Kants. Eine wesentliche Aufgabe der Geschichte des ökonomischen Denkens dagegen besteht darin, den gegenwärtigen Zustand der VWL vom Standpunkt vergangener, alternativer Theorien zu studieren. Der Historiker des ökonomischen Denkens ist notwendig kritisch. Denn per definitionem, d.h. durch die bloße Wahl des Gegenstands seiner Wissenschaft, erkennt er die Historizität und die Pluralität ökonomischer Theorien an. Im Unterschied zum neoklassischen Ökonomen setzt sich der Historiker des ökonomischen Denkens dem produktiven Widerspruch zwischen der Historizität und Pluralität ökonomischer Theorien einerseits und ihrem Wahrheitsanspruch andererseits aus. Für ihn ist die neoklassische Theorie nur eine Theorie der VWL, nicht die VWL selbst. Als Ergebnis der Eliminierung der Theoriegeschichte in den VWL-Fakultäten zeigt sich die VWL so als vor-kritisch, dogmatisch. In VWL-Fakultäten wird nicht gedacht, wenn man “denken” im emphatischen Sinne eines Kant versteht. Der traurige Zustand der VWL besteht darin, dass sie unter das Niveau noch der bürgerlichen Aufklärung zurückgefallen ist.


Haben jene, die Ökonomen kritisieren, diese in Wahrheit nicht verstanden, oder kennen jene, die Ökonomie lehren, ihre eigene Disziplin nicht ?

Es ist unfreiwillig komisch, wenn gerade Hans Werner Sinn, einer der wenigen Ökonomen, die persönlich noch ein Bewusstsein von der Bedeutung von Theoriegeschichte haben dürften, ausgerechnet Adam Smith, den Gründungsvater der Disziplin, bemüht, wenn er sein Verständnis von der Rolle eines Volkswirtes als der eines “Arztes” darlegt : War es doch genau dieses Bild vom Nationalökonomen als “Arzt”, geprägt vom Physiokraten Quesnay, das Adam Smith im Rahmen seiner Würdigung des physiokratischen Systems im 9. Kapitel des IV. Buches seines Wealth of Nations vehement kritisiert.

 

Geradezu absurd wird es, wenn Sinn eine Linie der Kontinuität von Smith zu Arrow und Debreu zieht. War es doch eben dieser Smith, der im Buch I des Wealth of Nations eine fundamentale, qualitative Unterscheidung einführt zwischen der primitiven commercial society, die Arbeitsteilung, Tausch und Geld kennt, und der kapitalistischen Gesellschaft, in deren Zentrum die Akkumulation von Kapital als Selbstzweck steht. Diese Unterscheidung und den damit verbundenen Begriff von Kapital kennt die heute vorherrschende, neoklassische Theorie schlichtweg nicht, in deren Zentrum dagegen der nutzenmaximierende Konsument und seine intertemporale Konsumentscheidung steht. Kurz, Smith gehört einem von der Neoklassik fundamental verschiedenen, ja selbst gegensätzlichen, theoretischen Paradigma an : der klassischen Theorie, deren wichtigste Vertreter (neben Smith) Ricardo, Torrens, Marx und Sraffa sind. Das darauf auch nur hingewiesen werden muss, offenbart die Kritikwürdigkeit der heutigen Volkswirtschaftslehre.

 

Fahrlässig wird es, wenn Ökonomen auf der Basis der allgemeinen Gleichgewichtstheorie von Arrow und Debreu an der Gesellschaft herumdoktern. Seine Kritiker – in diesem Punkt hat Sinn Recht – machen es sich (und ihm) zu einfach, so dass er ihnen mit dem Verweis auf die Diskrepanz zwischen Idealbedingungen und ihrer unvollkommenen Verwirklichung kontern kann. Aber darum geht es gar nicht. Die Allgemeine Gleichgewichtstheorie selbst – das Herzstück der neoklassischen Volkswirtschaftslehre – steht auf tönernen Füßen. Zum einen, dessen war sich schon Walras perfekt bewusst, ist der Beweis der Existenz des allgemeinen Gleichgewichts ohne den seiner Stabilität sinnlos. Zum anderen ist nicht einmal klar, was eigentlich der empirische Gegenstand der allgemeinen Gleichgewichtstheorie ist : Eine nicht-kapitalistische, gar prä-monetäre Tauschgesellschaft ? Wie ist es zu interpretieren, dass die Gewinne der Firmen in der modernen Version der allgemeinen Gleichgewichtstheorie in die Budgetrestriktion der Haushalte eingehen ? Oder aber beschreibt die allgemeine Gleichgewichtstheorie mit ihrem extrem zentralisierten Prozess des tâtonnement am Ende eine nirgendwo existierende, markt-sozialistische Gesellschaft ? Das jedenfalls war die “realistische” Interpretation des walrasianischen tâtonnements des polnischen Ökonomen Oskar Lange in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, die Hayek dazu veranlasste, der allgemeinen Gleichgewichtstheorie den Rücken zu kehren. Auf der Basis eines Forschungsprogramms, das nach seinen eigenen Maßstäben als gescheitert angesehen werden kann und von dem nicht einmal klar ist, ob es überhaupt eine dezentrale, kapitalistische Gesellschaft zum Gegenstand hat, Arzt in unserer Gesellschaft spielen zu wollen, ist mutig.

 

Wenn die Volkswirtschaftslehre noch einen Rest von Respekt vor ihrer eigenen Disziplin hat, sollte sie schnellstmöglich aufhören, ihre Studenten mit BWL-Veranstaltungen wie der des Marketing-Gurus Prof. Meyer (LMU München) und seinem findigen Konzept “POISE” (“profitabel, offensiv, integrativ, strategisch, effektiv”) zu traktieren. Stattdessen sollte sie unverzüglich auch nicht-neoklassische Theorien lehren sowie detaillierte Pflichtveranstaltungen in Wirtschafts- und Theoriegeschichte einführen ; außerdem Masterstudiengänge in Theoriegeschichte – sofern sich noch Professoren finden lassen, die sie zu lehren imstande sind. In der besagten Vorlesung über Makroökonomie für Fortgeschrittene von Prof. Carstensen wurde uns im übrigen das real business cycle-Modell gelehrt, das zu den DSGE-Modellen gehört (dynamic stochastic general equilibrium), die auch von den Zentralbanken benutzt werden – Modelle, die die Krise von 2008 noch nicht einmal ex post erklären konnten.