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Entstehungsgeschichte

...Eine kleine Gruppe von Lehrenden unterstützte diese Kritik. Der Abdruck der studentischen Petition in der Tageszeitung Le Monde trat eine landesweite Debatte los. Innerhalb von zwei Wochen hatten sich 600 Studierende mit ihrer Unterschrift hinter ihre Kollegen gestellt. Eine Radiosendung am 21. September 2000 brachte dann den wissenschaftspolitischen Durchbruch. Der französische Minister für Erziehungsfragen, Jack Lang, reagierte und setzte eine Kommission zur Überarbeitung der landesweit einheitlichen Curricula ein. Parallel hierzu gründete Edward Fullbroock den elektronischen post-autistic economics newsletter (später post-autistic economics review), der sich innerhalb kürzester Zeit zu einem wissenschaftlichen Journal weiterentwickelte. Der orthodoxe Mainstream konnte diese Reformbewegung nun nicht länger ignorieren. Am 31. Oktober meldeten sich der Makroökonom Olivier Blanchard, der Nobelpreisträger Robert Solow und fünfzehn Ökonomen, wie Christian de Boissieu oder Jean-Jacques Rosa zu Wort und lehnten öffentlich in der Le Monde in ihrer Gegenpetition Contre-appel pour préserver la scientificité de l´économie die postautistischen Ideen ab, wobei sie auf die Argumente der Studierenden nicht eingingen.

Die französische Studierendenbewegung internationalisierte sich nun immer stärker. Im November 2000 starteten auch Politikwissenschaftler in den Vereinigten Staaten das Perestroika-Movement gegen das Übergewicht von Public-Choice-Ansätzen. Im Winter 2001 gründeten sich Gruppen für Postautistische Ökonomik in Australien, China, der Türkei und Spanien. Im Juni desselben Jahres unterzeichneten 27 Doktoranden der Cambridge University die Petition Open up economics. “We are not arguing against the mainstream approach per se, but against the fact its dominance is taken for granted in the profession. We are not arguing against mainstream methods, but believe in a pluralism of methods and approaches justified by debate.” (The Cambridge 27, 2001) Auf zahlreichen Tagungen diskutierten Ökonomen über die Ideen der Postautisten. Zahlreiche heterodoxe Konferenzen, wie beispielsweise in Kansas City, solidarisierten sich mit der Postautistik.

Der Abschlussbericht L'Enseignement supérior de l'économie en question der französischen Kommission stimmte ihnen zu, indem er die Integration einer Diskussion über gegenwärtige Wirtschaftsthemen in die Struktur und Inhalte universitärer Veranstaltungen in der Volkswirtschaftslehre forderte (vgl. Fullbrook 2001). Der Bericht erweckte allerdings nicht den Anschein, der Beendigung der Hegemonie der Neoklassischen Mikroökonomik zuzustimmen (vgl. Benicourt 2001). Selbst diese ersten kleinen Reformansätze wurden jedoch nach dem Regierungswechsel nicht umgesetzt.

Die weltweite Dynamik ging aber weiter voran und spiegelt sich im real world economics review (früher: post-autistic economics review) wider, der bis heute Zuspruch von 21.755 Abonnenten aus über 150 Ländern fand. Zu den Autoren zählten u. a. Herman Daly, Deirdre McCloskey, Tony Lawson, Geoff Harcourt oder Julie A. Nelson. Diese Erfolgsgeschichte stellt eine der größten Herausforderungen für die Orthodoxie seit der Keynesianischen „Revolution“ dar. „Economics has not experienced such pressure to change since the 1930s.“ (Fullbrook 2001).

Deutschland verschlief lange die französische Revolte und die internationale Dynamik der Postautistik. Erst auf der Attac-Sommerakademie 2003 entstand eine studentische Initiative für eine Postautistische Ökonomik in der Bundesrepublik. Eine kleine Gruppe von Studierenden aus Berlin, Heidelberg und Regensburg gründete am 16. November 2003 in Heidelberg den Arbeitskreis Postautistische Ökonomie